Auf der Basis der Übersetzungen von Wolfgang Riemann bzw. Muhammet Ali Bas, hat Max Lang die vorliegenden Fassungen erarbeitet.

 

Dich ansehen

 

Das Mädchen drehte sie um und lief weg.
Nun sah die Schildkröte zum ersten Mal den Himmel.

*


Callcenter
 

Herzlich Willkommen.

 

Für den Tag, als Sie zum ersten Mal Ihre Schulkameraden trafen,

wählen Sie Ihre Glückszahl.
Für die Zeit, als Sie unermüdlich im Garten umherliefen,
drücken Sie wahllos auf ein paar Tasten.

Für die beschlagenen Fenster der Lokale, in denen die Lastwagenfahrer sitzen.

geben Sie das Datum Ihres letzten Familienurlaubes ein.

 

Jeder hat Momente, für die er sich schämt.

Verraten Sie niemand die entsprechende Zahl.

Wenn Sie auf dem Rasen der Universität

frühstücken möchten, mit Tee und Pogatschen,

dann legen Sie den Hörer weg und treten Sie auf den Balkon.
Und wenn Sie beklagen, dass die Zeit so schnell vergeht,

drücken Sie mit aller Kraft auf die Null.

Sollten Sie bemerken, dass Sie sich an ihren Großvater

nicht mehr erinnern,

so blicken Sie kurz in den Spiegel.


Nennen Sie den dritten Buchstaben im Namen

eines analphabetischen Arbeiters

für den Geruch staubiger Bücher in den Antiquariaten.

Für den in zerrissener Kleidung tot aufgefundenen Schneider Ihres Stadtviertels

müssen Sie kurz warten.

 

Für den unabsehbaren Moment

wenn Sie im Schlaf den Hals der Frau berühren

drücken Sie wiederholt auf dieselbe Zahl

nach dem Piepton.

 

Am Tag, nachdem Sie verlassen wurden,

schreiben Sie hundert Mal in Ihr Heft:
Ich werde mich nie wieder verlieben.

 

Pieeep!

*

 

Die Besetzung der Zeitung ULUS


Brecht hätte gefragt:

Was unterscheidet die unwissenden Aktivisten

von den wissenden Schweigenden?

 

Laut Beckett wäre vermutlich

eine große Gelegenheit verpasst.

 

Laut den Gewerkschaften

war es so nicht geplant.

 

Der Erinnerung nach
glaubte man an etwas Schönes

das man schwerlich für wahr halten konnte.

 

Nach Ansicht der Revolutionäre

waren alle revolutionären Aktionen legitim.

 

Aber meine Großmutter hätte gesagt:

„Junge, lass den Quatsch!“

 

Und ich selbst fragte mich immer:

Wie sahen die Zeitungsleute die Besetzung?

 

Für die Schriftsetzer war es

das letzte Kapitel eines tragischen Buchs.

 

Und für die Journalisten

besiegelte die Zensur die Schlagzeile des Tages.

 

Die Tische lauschten verwirrt den Gesprächen

und den Druckfahnen gefiel es

ans Fenster gelehnt zu werden.

 

Ein Riese mit Vollbart

servierte in all dem dazu noch schwarzen Tee.

 

In ihren schlimmsten Befürchtungen

endete all dies sehr böse.

 

Ihrem Gefühl nach

reihten sie sich bereits in einen Totentanz ein.

 

Um auf Brecht zurückzukommen:

„Es gibt eben Unterschiede zwischen den Besatzern“, würde er sagen,

und sich eine Zigarre anzünden.

 

Nach einer Übersetzung von Necip Tokoğlu

*

 

Die Worte des Arbeiters, der seinem Sohn auf den Barrikaden begegnet

 

Meine Kehle ist ausgetrocknet,

trotzdem schweigt sie nicht.

 

Mein Hals ist steif geworden

vom Tragen der Spruchbänder auf silbernem Tablett.


Meine Kehle ist ein ängstlicher Seiltänzer.

Sie weiß nicht, dass sie nur dann auf dem Seil stehen kann,

wenn sie weiter vorrückt

auf die Barrikade aus Soldaten.

 

Meine Kehle wird vor Angst zerspringen,

während die Soldatenhelme

im Wind zittern, den wir entfesselt haben.

 

Meine Kehle ist blind.

Ist das nicht mein eigener Sohn,

versteckt in einer Uniform,

die Waffe auf mich gerichtet?

 

Meine Stimme überschlägt sich mit meinen Beinen.

Sie überspringt die Barrikade

wie eine Horde Kinder mit großem Geschrei.


Mit weit geöffneter Kehle

umarme ich meinen Sohn.

 

Meine Kehle ist zugeschnürt,

behält ihre Freude für sich.

 

Meine Kehle ist zerschnitten.

Das Blut von fünf Menschen

fließt einzeln davon.

 

 

Ich und meine Spielzeugblitze

 

Was hast du denn gedacht, mein Lieber?

Auch ich habe meine kleinen Lügen

wie Münzgeld in der Tasche,

und natürlich auch die etwas größeren.

 

Wir sind in der Stadt der großen Lügen und Träume.

Einigen wir uns gleich darauf: Jedem sein eigenes Istanbul.

Meines gehört ein paar Frauen,

– Namen werden nicht genannt –
hierher geschleudert von anderswo.
Jeder lebt sein Leben, mein Lieber,

wie jeder seinen eigenen Tod erlebt:

Für den Busfahrer sind es die Stahlfedern
der Bosporusbrücke, die ihm Flügel verleihen.

Ein Polizist im Ruhestand

spürt eines Tages aufgrund seines ehemaligen Berufs

unerwartet den Lauf einer Pistole an seiner Schläfe.

Durch eine morgendliche Straße streifend,

erinnerte ich mich an eine Frau –

Aber vielleicht war es auch nur die Gelassenheit

nach einer Handvoll Medikamente.


Und die Bürgersteige in Surdibi

sind die Augen eines Obdachlosen, die mich beobachten.

Wie ein Gott trägst du die Nase hoch, Bedauernswerter.

Tausch deine Kleider und erkunde die Welt.


Schau dir sein Istanbul an.

Aber nicht berühren, nur anschauen.

Fälle neue Urteile

wie die niederträchtigen Engel.
Im Inneren seines Mantels ist Istanbul verborgen – verbiete es doch –
Ein paar Geldscheine, versteckt im Schuh – verzeih's ihm –

Er hat bestimmt von der Hagia Sophia gehört – jetzt erklär ihm mal die architektonischen Feinheiten.

Doch deine Spielzeugblitze und du...

Du kannst nur überliefern, was du erlebst.

Du fürchtest dich nur zu Tode vor dem, was du siehst.

Lehn dich an einen Baum und zähl bis neunundneunzig.


Sieh, zur Hoffnung hat dieser Mann keinen Anlass.
Die Stadt aber liebt er mehr als wir alle.

Gleich wird ihm die Sonne ins Gesicht scheinen.
Komm, lächle, vielleicht lächelt er zurück.


Aber nicht einmal das kannst du, nicht wahr?
Eine Wolke verdeckt die Sonne...

Wer bemitleidet nun wen?

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